Nachhaltiges Bauen setzt auf lange Lebensdauer

Hält ein Baustoff 50 Jahre lang? Oder muss das Material schon nach 15 Jahren ersetzt werden? Die Antwort auf diese Fragen ist von großem Belang für die Wirtschaftlichkeit und die Ökobilanz eines jeden Bauprojekts.

Zentrale Begriffe im nachhaltigen Bauen sind Lebenszykluskosten (LCC) und Lebenszyklusanalyse (LCA). Wer ein Bauwerk als nachhaltig zertifizieren lassen will, sollte sie kennen. Zur Lebensdauer von Baustoffen äußert sich Harpa Birgisdóttir von der Universität Aalborg.    

Troldtekt Harpa Birgisdottir

Wer sich mit nachhaltigem Bauen beschäftigt, muss langfristig denken und eine umsichtige Materialauswahl treffen. Ist es beispielsweise besser, Baustoffe zu wählen, die zwar etwas teurer in der Anschaffung, dafür aber deutlich haltbarer als die günstigeren Alternativen sind? Und welche Materialien haben, über die gesamte Lebensdauer des Gebäudes betrachtet, die geringsten Umweltauswirkungen?

Wer solche Entscheidungen zu treffen hat, dem helfen zwei konkrete Werkzeuge: das Life-Cycle Costing (LCC) und die Lebenszyklusanalyse (LCA), erklärt Harpa Birgisdóttir, Senior Researcher am Staatlichen Bauforschungsinstitut der Universität Aalborg. 

 „Bei Bauprojekten erhält in der Regel die Bauphase die größte Aufmerksamkeit. Dabei ist es wichtig, sich zunächst mit der Lebensdauer der einzelnen Baustoffe zu befassen und sein Augenmerk darauf zu richten, wie man die Gesamtlebensdauer eines Gebäudes optimiert“, meint Birgisdóttir. „Das gilt für zentrale Bauteile wie Fassaden und tragende Wände ebenso wie für Boden- und Deckenmaterialien. Manchmal überrascht es, wenn ein Material, das zum Zeitpunkt der Anschaffung besonders günstig ist oder weniger Umweltauswirkungen hat, langfristig gesehen schlechter für die Umwelt ist.“

LCC: Lebenszykluskostenrechnung
Eine Lebenszykluskostenrechnung (engl. Life-Cycle Costing) ist eine Kostenmanagement-Methode, die die Berechnung der Gesamtkosten eines Gebäudes vom Bau über den Betrieb bis zur Instandhaltung über einen fest definierten Zeitraum – z. B. eine Lebensdauer von 50 Jahren – ermöglicht.

Eine LCC-Rechnung berücksichtigt nicht nur die reinen Baukosten, sondern auch die laufende Instandhaltung und ggf. die Erneuerung von Gebäudebestandteilen nach dem jeweils aktuellen Kostenstand. Auch die Ausgaben für Wasser und Energie sind Teil der Kostenrechnung – ebenso wie die Aufwendungen für die Gebäudereinigung, die oft einen bedeutenden Anteil an den Gesamtkosten haben. 

LCA: Lebenszyklusanalyse
Mit einer Lebenszyklusanalyse (engl. Life-Cycle Assessment, deutsch auch Ökobilanz) werden die Gesamtwirkungen eines Gebäudes hinsichtlich Umwelt und Ressourcenverbrauch untersucht.

Alles wird berücksichtigt, von Abbau und Verarbeitung der Rohstoffe über Herstellung und Transport der Baustoffe bis hin zu Betrieb und Instandhaltung des Gebäudes und schließlich dessen Rückbau nebst Abfallentsorgung und Recycling.

Faktoren für Ausschreibung und Zertifizierung
Lebenszyklusanalyse (LCA) und -kostenrechnung (LCC) spielen eine wichtige Rolle in der Zertifizierung von nachhaltigen Bauprojekten, z. B. nach dem DGNB-System. Bei einer DGNB-Zertifizierung fließen Ökologie und Wirtschaftlichkeit mit je 22,5 Prozent in die Gesamtbewertung ein. Bei der Umweltbewertung macht die LCA bzw. Ökobilanz 13 der 22,5 Prozentpunkte aus.

Bei vielen Ausschreibungen werden heute Ökobilanzen verlangt, oftmals auch für Teilabschnitte eines Baus. Die Stadt Kopenhagen beispielsweise fordert bei kommunalen Bauprojekten ab einer gewissen Größe immer eine LCA.

Kurze und lange Lebenszyklen
Ein zentraler Aspekt für die Berechnung von LCC und LCA ist der Bemessungszeitraum, d. h. der Zeithorizont, der dem Lebenszyklus eines Gebäudes zugrunde gelegt wird. Dieser variiert je nach Gebäudeart und wird in der Regel im Voraus festgelegt, wenn die Berechnungen im Rahmen einer Zertifizierung vorgenommen werden.

Der Bemessungszeitraum der LCC-Kosten für eine DGNB-Zertifizierung beispielsweise kann 50 Jahre betragen, während für die LCA-Bilanz meist mit mehreren Zeiträumen gearbeitet wird. Je nach Gebäudeart und -nutzung können z. B. 50, 80 und 120 Jahre angesetzt werden. Auch noch längere Bemessungszeiträume kommen in Frage.

„Die Lebensdauer eines Gebäudes kann von größerer oder geringerer Bedeutung für die Gesamtbewertung sein – je nachdem, welche Materialien und welche Art der Konstruktion vorliegen. Viele Baustoffe haben eine Haltbarkeit von weit mehr als 50 Jahren. Wir müssen schon eher einen Zeitraum von 100 Jahren betrachten, um zwischen Materialien mit kurzer und langer Lebensdauer unterscheiden zu können“, berichtet Harpa Birgisdóttir.

Standard-Tools für die Berechnung

  • Das Staatliche Bauforschungsinstitut (SBi) an der Universität Aalborg hat gemeinsam mit der dänischen Verwaltungsbehörde für Verkehr, Bauen und Wohnen die Werkzeuge LCCbyg und LCAbyg entwickelt, die für die Berechnung von Lebenszykluskosten und Ökobilanz genutzt werden können.
  • Die beiden Tools verwenden Standardformeln für die Rechenvorgänge. Ergänzend dazu hat das SBi 2013 einen Bericht veröffentlicht, der durchschnittliche Lebensdauern für eine Reihe von Gebäudeteilen benennt.
  • Das Tool LCAbyg benötigt Umweltdaten für die Baumaterialien, die in die Bewertung einfließen sollen. Dafür nutzt es die deutsche nationale Datenbank Ökobaudat, die Durchschnittswerte für eine Vielzahl von Baustoffen bereitstellt.
  • Wer das dänische LCAbyg nutzt, kann auch selbst Datensätze hinzufügen, die unter anderem Angaben aus den Umweltdeklarationen der Hersteller (EPD) enthalten müssen. [Link zum EPD-Artikel einfügen]

Umweltpotenziale erfassen
„Bei der Berechnung von LCC und LCA für eine DGNB-Zertifizierung müssen wir uns an standardisierte Daten halten, damit die Ergebnisse vergleichbar bleiben. Dazu nutzen wir einheitliche Rechenregeln und die Lebensdauerschätzungen, die im SBi-Bericht von 2013 angegeben sind“, erklärt Birgisdóttir.  

„In anderen Fällen nutzen wir die LCA zur Untersuchung der ökologischen Potenziale, die mit alternativen Entwürfen verknüpft sind. Das können zum Beispiel die Umweltauswirkungen unterschiedlicher Techniken sein, mit denen man Baustoffe behandelt, um ihre Lebensdauer zu verlängern, oder die Effekte von Recycling-Materialien und Wiederverwertung am Bau. So hat es auch der dänische Baufinanzierer Realdania im Fall der MiniCO2-Häuser in Nyborg gehandhabt. Bei diesem Musterhausprojekt mussten wir allerdings die Standard-Berechnungsmethoden etwas anpassen.“