Zertifizierungen für nachhaltiges Bauen - ein kurzer Überblick

11:e aug. 2015

DGNB, LEED, BREEAM, Aktivhaus und Passivhaus. Welche Unterschiede gibt es zwischen den verschiedenen Zertifizierungen? Und warum gibt es so viele Systeme?

Diplom-Ingenieurin Dr. Tine Steen Larsen, Lektorin an der Universität Aalborg in Dänemark, erklärt, was es mit den Zertifikaten auf sich hat.

Troldtekt Vestas

Dank des stark gestiegenen Interesses am nachhaltigen Bauen in den letzten zehn Jahren hat sich international eine ganze Reihe von Zertifizierungssystemen entwickelt. Deren eingehende Kenntnis zählt heute zu den Aufgaben beratender Ingenieure, die für ihre Bauherren optimale Lösungen erarbeiten wollen, meint Dr. Tine Steen Larsen. Sie ist als Lektorin am Institut für Hoch- und Tiefbau der Universität Aalborg in Dänemark tätig und verfolgt die Entwicklung der Zertifizierungssysteme genau.

„Natürlich sollten wir im Bereich Nachhaltigkeit nicht mit 30 verschiedenen Zertifizierungen arbeiten, aber ich finde, dass Systeme von unterschiedlichem Umfang durchaus sinnvoll sind. Dadurch werden hoffentlich immer mehr Bauherren nachhaltig bauen, und es ist schließlich besser, wenn einzelne Aspekte eines Bauprojekts nachhaltig sind als gar keine“, sagt sie.

Zertifizierung je nach Schwerpunkt

Dr. Larsen meint, dass der Ehrgeiz des Bauherrn und die gesetzten Schwerpunkte über die geeignete Zertifizierung für ein Projekt bestimmen sollten.

„Wenn ,nur' Energie gespart werden soll, ist vielleicht der Bau eines Passivhauses die richtige Wahl. Wenn aber auch die Gesamtwirtschaftlichkeit eine Rolle spielt, sollte ein Nachhaltigkeitssystem wie beispielsweise die DGNB-Zertifizierung angewendet werden, die auch die soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit einbezieht“, erklärt die Ingenieurin.

„Ich erlebe heute, dass die meisten Fachberater sich mit den verschiedenen Programmen gut auskennen. Manche Bauherren sind jedoch sehr vorsichtig und wollen die Dinge gern so machen wie bisher – vielleicht, weil sie gehört haben, dass Zertifizierungen teuer sind. Einige der Preise, die ich gehört habe, erscheinen mir ziemlich aufgeplustert. Tatsächlich machen die Kosten für eine Zertifizierung nämlich nur einen sehr kleinen Teil der Gesamtbaukosten aus und sind dank der höheren Qualität, die am Bau erreicht wird, schnell wieder herausgeholt“, sagt Dr. Larsen.

Die wichtigsten Zertifikatsysteme

Es gibt eine Handvoll Systeme, die Bauherren und Berater kennen sollten. Hier ein Überblick über die fünf wichtigsten:

DGNB

Das DGNB-Zertifizierungssystem wurde 2008 in Deutschland eingeführt. Im Januar 2009 wurden die ersten neun Gebäude erfolgreich zertifiziert. Bis März 2015 haben knapp 900 Bauprojekte ein DNGB-Zertifikat oder Vorzertifikat erhalten.

Auf dem deutschen Markt für umweltfreundliches Bauen erreicht das DGNB-System einen Anteil von 69 Prozent an den gewerblichen Bauten (BNP Paribas Real Estate, 2015). Auf dem Neubaumarkt erzielt die DGNB sogar einen Anteil von 87 Prozent.

Das DGNB-System bezieht alle wesentlichen Aspekte des nachhaltigen Bauens mit ein: ökologische, ökonomische, soziokulturell-funktionale und technische Qualität sowie Prozess- und Standortqualität. Die ersten vier der genannten Qualitätsfaktoren werden in der Bewertung gleich gewichtet. Das bedeutet, dass das DGNB-System das einzige ist, das der Wirtschaftlichkeit nachhaltiger Gebäude denselben Stellenwert einräumt wie deren Umwelt-Performance.

LEED und BREEAM

Das LEED-System von 1998 ist die US-amerikanische Nachhaltigkeitszertifizierung für Gebäude, die über in 135 Ländern angewendet wird. Das britische BREEAM-Programm wurde knapp zehn Jahre früher lanciert, nämlich 1990, und findet in über 50 Ländern Anwendung.

Das Hauptaugenmerk von LEED und BREEAM liegt auf Ökologie und Innenraumklima und weniger auf der Wirtschaftlichkeit. Diese beiden Systeme werden häufig von Unternehmen genutzt, die Standorte in mehreren Ländern unterhalten.

Passivhaus

Das Passivhaus wurde 1990 in Deutschland entwickelt. Ein Passivhaus hat einen sehr geringen Energieverbrauch bei der Heizung und ein besonders gutes Innenraumklima.

„Das Passivhauskonzept baut auf sehr brauchbaren Prinzipien auf, die auch Eingang in weitere Zertifizierungsprogramme gefunden haben. Aber ein Passivhaus fällt nicht in die Kategorie nachhaltiges Bauen, da der Schwerpunkt zu einseitig auf Energiesparen liegt“, erklärt Dr. Tine Steen Larsen.

Aktivhaus

Ein Aktivhaus ist im Grunde genommen ein Passivhaus, das mit aktiven Systemen ausgestattet wurde, die mehr Energie erzeugen, als im Haus verbraucht wird. Das können z. B. Photovoltaikanlagen, Sonnenkollektoren zur Warmwasserbereitung oder Wärmepumpen sein. Auch die Nachhaltigkeit der Baustoffe wird in die Gesamtbewertung einbezogen.