Dissertation: Heilende Architektur auf dem Prüfstand

23:e apr. 2021

Wenn architektonische Visionen auf die Realität in der Psychiatrie treffen, kann dies Reibungen bei Patienten und Personal hervorrufen. Zu dieser Feststellung gelangt Thorben Simonsen in Rahmen seines Promotionsprojekts an der Copenhagen Business School.

Mithilfe von Interviews und 200-stündiger Feldarbeit hat er untersucht, welche Bedeutung Designprinzipien wie Transparenz und Hierarchie in dem preisgekrönten psychiatrischen Krankenhaus GAPS im dänischen Slagelse haben.

Akustikdecken von Troldtekt im Gesundheitsbau
Akustikdecken von Troldtekt im Gesundheitsbau

Das GAPS in Slagelse ist ein beispielloses Bauprojekt. Deshalb konnten sich die Architekten auf ihrer Suche nach Anregungen für die Psychiatrie der Zukunft kaum an anderen Vorbildern orientieren. Das Ergebnis ist ein visionäres psychiatrisches Krankenhaus, das seit seiner Eröffnung 2015 international Aufsehen erregt hat. Ein MIPIM Award 2017 für „Best Healthcare Development“ ist nur eine der vielen Auszeichnungen, die das GAPS erhalten hat.

Dreh- und Angelpunkt für die Architektur sind heilungsfördernde Designprinzipien. In dem Artikel, den Sie über diesen Link abrufen können, erklärt Christian Karlsson von Karlsson Arkitekter, wie die Kombination aus Tageslicht und ausgeklügeltem Kunstlicht eine wichtige Rolle in der Therapie spielt. Darüber hinaus galten Transparenz (durch den Einsatz von Glaswänden) und Hierarchie (in Form des Wechsels zwischen Privat- und Gemeinschaftsräumen) als Grundsätze für die Architektur.

Doch wie funktionieren Transparenz und Hierarchie eigentlich im Alltag der Patienten und des Klinikpersonals? Dieser Frage ging der Doktorand Thorben Simonsen im Rahmen seiner Dissertation gründlich nach. Im Februar 2020 verteidigte er seine Doktorarbeit, die in Architektenkreisen „nicht unbedingt Begeisterung, aber immerhin viel Interesse geweckt hat“, wie er selbst sagt.

Diskrepanz zur komplexen Realität

Das Interesse erklärt sich dadurch, dass Thorben Simonsen ein Missverhältnis zwischen den Designprinzipien einerseits und der sozialen Wirklichkeit des Klinikbetriebs andererseits aufzeigt. Seine Schlussfolgerung zieht er nach einer 200-stündigen Feldstudie vor Ort und einer Reihe von Interviews.

„Es wurden im Vorfeld bestimmte Annahmen über die Funktion der Architektur aufgestellt, von denen sich gezeigt hat, dass sie der komplexen Wirklichkeit in der Psychiatrie nicht gerecht werden“, meint Thorben Simonsen.

„Auch wenn ich ,nur‘ die Verhältnisse in zwei allgemeinpsychiatrischen Stationen im GAPS untersuchen konnte, bin ich zu der These gelangt, dass es in einigen hochmodernen Psychiatriegebäuden Probleme dabei gibt, die heilenden Prinzipien in der Praxis zum Funktionieren zu bringen.“

Akustische Umgebung von Bedeutung

Für das GAPS wurden robuste Baumaterialien wie Ziegel, Holz, Beton und zementgebundene Akustikplatten von Troldtekt gewählt.

Thorben Simonsen betont, dass die Materialwahl und deren Bedeutung für Licht und Raumakustik in der heilenden Architektur allgemein eine große Rolle spielt.

„Geräusche und Akustik sind ziemlich wichtig, denn die Forschung zeigt, dass das Personal von psychiatrischen Kliniken das Gehör mindestens so häufig einsetzt wie das Sehvermögen, um sich zu orientieren. An bestimmten Orten kann es zudem recht laut werden, und deshalb ist es wichtig“, erklärt er.

Doch zurück zu den Hauptpunkten der Dissertation. Thorben Simonsen hat insbesondere die praktischen Auswirkungen von zwei Designprinzipien untersucht, die beim Entwurf des GAPS auf dem Zeichenbrett eine zentrale Rolle gespielt haben:

  • Transparenz: Hier geht es um den Einsatz von Glaswänden, um visuelle Kontakte über mehrere Räume hinweg zu ermöglichen, auch zwischen Patienten und Personal. Glas schafft zudem einen Zusammenhang zwischen Innenräumen und Außenbereichen.
  • Hierarchie: Mit ihr sollen in Innen- und Außenbereichen unterschiedliche Grade der Stimulation für die Patienten erreicht werden, je nachdem in welchem Zustand sie sich befinden und wie weit ihr Recovery-Prozess fortgeschritten ist. Der Grundsatz der Architekten für das GAPS war, dass die Hierarchie beispielsweise vom Patientenzimmer über Aufenthaltsbereiche in der Nähe bis hin zu Gemeinschaftsbereichen für Aktivitäten wie Sport verläuft.
Psychiatrische Klinik GAPS in Slagelse, Dänemark | Troldtekt

Personal vermisst „Backstage“-Raum

Zum Thema Transparenz sagt Thorben Simonsen:

„Die Herausforderungen zeigen sich am deutlichsten im ,Taubenschlag‘, einem transparenten Personalbüro, das als Glaswürfel angelegt wurde. Er soll den Mitarbeitenden ermöglichen, sich zurückzuziehen und dabei beobachten zu können, was zwischen den Patienten vor sich geht. Die Vorstellung dahinter war, den psychiatrischen Patienten ein Gefühl von Sicherheit zu geben, doch stattdessen hat sich gezeigt, dass sich die Patienten oft unsicher fühlen und darüber spekulieren, was drinnen vor sich geht. Hier geht es also um Ungewissheit: ,Warum lachen die da drinnen? Was geben die in den Computer ein? Ziehen die die Spritze für mich oder einen anderen Patienten auf?‘“

„Für die Mitarbeitenden bedeutet die Transparenz, dass sie sich permanent professionell verhalten müssen und beispielsweise nicht lachen dürfen. Daneben müssen sie oft mit den Patienten verhandeln und erklären, warum sie Zeit im Büro verbringen. Die Erwartung war, dass die Transparenz zu Beziehungen beitragen würde, doch stattdessen handelt es sich mehr um Transaktionen zwischen Patienten und Personal. Es wäre zweckmäßig, wenn sich die Mitarbeitenden gelegentlich in geschlossene ,Backstage-Räume‘ zurückziehen könnten.

Thorben Simonsen erkennt an, dass manche Patienten sich über die Transparenz freuen, weil sie sich keine Gedanken darüber machen müssen, wo ihre Kontaktperson sich gerade befindet.

Akustikdecken von Troldtekt im Gesundheitsbau

Hierarchie erzeugt soziale Unruhe#Unrast

Der zweite Kernbereich in der Dissertation von Thorben Simonsen ist das Prinzip der Hierarchie. Die räumliche Hierarchie soll die Rückkehr der Patienten in die Welt draußen unterstützen. Dabei soll sie den Recovery-Prozess abbilden, bei dem sich der Patient Schritt für Schritt aus seinem schützenden Patientenzimmer in die halböffentlichen Flurbereiche und schließlich in die größeren Gemeinschaftsbereiche begeben kann.

„In der Praxis fällt es den Patienten jedoch schwer, zwischen den verschiedenen Räumen zu unterscheiden und zu erkennen, wo welches soziale Verhalten angemessen ist“, sagt Thorben Simonsen und nennt konkrete Beispiele dafür:

„Direkt neben dem Taubenschlag befindet sich ein Gemeinschaftsraum, in dem man essen, Kaffee trinken oder Spiele spielen kann. Doch wenn ein Patient über seine Medikamentendosis sprechen will, geht das hier nicht. Die offene, transparente Architektur kann es also schwer machen zu erkennen, was man wo tun darf. Die Entscheidung darüber, welches Verhalten in welchen Räumen angemessen ist, wird daher in großem Umfang dem Personal überlassen. Die Konsequenz daraus ist eine Verstärkung der Hierarchie zwischen ,denen und uns‘ trotz der Ambition, diese mithilfe der Architektur abzubauen.“

„Ein weiteres Beispiel sind die Patientenzimmer, die in der Praxis nicht als Privaträume behandelt werden. Sie werden auch zur Abschirmung und Isolierung verwendet, wenn Probleme auftreten. Das ist an sich nicht falsch. Aber die Eingriffe des Personals verändern die grundlegende Funktion der Zimmer vom privaten Raum zum institutionellen Raum, und damit geht die Kontrolle über das Zimmer vom Patienten auf das Personal über. Die Vorstellung von einer räumlichen Hierarchie, durch die sich die Patienten je nach Stadium ihres Recovery-Prozesse bewegen, ist also nicht ganz unproblematisch.“

„Und dann ist da der Atriumgarten, der als heilender Raum konzipiert war, in der Praxis aber zum Raucherhof geworden ist. Überraschend ist, dass der Garten, in dem die Patienten für das Personal gut sichtbar sind, dennoch als eine Art geschützter Raum fungiert, in dem die Patienten vertrauliche Gespräche miteinander führen, weil das Personal sie nicht hören kann.“

Erfahrungen sammeln und auswerten

Für Thorben Simonsen war es ein wesentliches anliegen, die Fallstricke der heilenden Architektur besonders gründlich zu untersuchen. Das empirische Wissen auf diesem Gebiet ist noch sehr begrenzt.

„Ich bin kein Architekt und habe deshalb auch nicht für alle diese Herausforderungen eine Lösung. Meine Arbeit bestand darin zu beobachten, wie Patienten und Personal sich in der Praxis verhalten. Und es ist wichtig, diese Praxiserfahrungen zu sammeln, denn der begriff der heilenden Architektur ist relativ neu und ohne feste Definition“, erklärt Simonsen.

„Alle sind sich einig, dass der Begriff ,heilende Architektur‘ einfach super klingt. Ich finde jedoch, dass der Zusammenhang zwischen den architektonischen Merkmalen und der heilenden Wirkung klare Grenzen hat. Es ist viel wesentlicher für den Heilungseffekt, wie die Räume in der Realität genutzt werden, in der sowohl auf das Personal als auch auf die verschiedenen Patientengruppen und deren recht unterschiedliche Bedürfnisse eingegangen werden muss.

>> Lesen Sie auch das Interview mit dem Architekten Christian Karlsson

Interview mit Wirtschaftswissenschaftler Dr. Thorben Simonsen, Copenhagen Business School im Troldtekt THEMA über heilende Architektur

FOTO:
Wirtschaftswissenschaftler Dr. Thorben Simonsen, Copenhagen Business School.

Akustikdecken von Troldtekt im Gesundheitsbau

Psychiatrische Klinik GAPS

Projekt: Psychiatrische Klinik GAPS in Slagelse, Dänemark
Architekten: Karlsson Architects, Vilhelm Lauritzen Architects
Bauherr: Region Seeland

Troldtekt Produkte: 

Deckenverkleidung: Troldtekt Plus Akustikplatten
Farbe: Natur Hell
Struktur: Fein (1,5 mm Holzwolle)
Kantenprofil: 5 mm Fase, K5
Montage: Mit Troldtekt-Schrauben

>> Lesen Sie mehr über GAPS im Troldtekt-Referenzbereich

THEMA: Heilende Architektur

Licht, Luft, Akustik und Raumeinteilung. Nicht zuletzt in den Neubauten psychiatrischer Einrichtungen kommen architektonische Kniffe zum Einsatz, die die Behandlung unterstützen sollen.

Ein neues Online-Thema der Troldtekt GmbH befasst sich mit den Visionen und der Praxis, den Möglichkeiten und den Fallstricken im Bereich der heilenden Architektur.

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