Gründliche Tests bringen flüchtige Stoffe ans Licht

Wenn wir uns in geschlossenen Räumen aufhalten, nimmt unser Körper chemische Stoffe aus der Luft auf. Baustoffe und Ausbaumaterialien mit einem anerkannten Raumklima-Gütesiegel geben uns hingegen die Sicherheit, dass sich die Ausgasung so genannter flüchtiger Gefahrstoffe in Grenzen hält.

Geschäftsführerin Helene Klinke vom Teknologisk Institut in Dänemark berichtet, warum es so wichtig ist, Baumaterialien zu testen – auch wenn sie in Neubauten wiederverwendet werden.

Akustikdecken von Troldtekt im Schulbau

Die Schreckensbeispiele aus den 1970er Jahren sind uns noch gegenwärtig. Damals war es nicht unüblich, Baumaterialien wie beispielsweise Spanplatten zu verarbeiten, die mit besonders viel formaldehydhaltigem Leim hergestellt wurden, um die Festigkeit zu erhöhen. In der Folge gaben diese Platten große Mengen an gesundheitsschädlichem Formaldehyd direkt in die geschlossenen Räume ab.

Darum wurden bei Einführung der CE-Kennzeichnung für Baustoffe scharfe Grenzwerte für den Formaldehydausstoß festgelegt. Seither hat die Entwicklung fortschrittlicher Messverfahren es möglich gemacht, weitere flüchtige Gefahrstoffe zu erkennen. Sie werden auch „flüchtige organische Verbindungen“ genannt – englisch Volatile Organic Compounds oder kurz VOC.

Helene Klinke ist Geschäftsführerin des Raumklimalabors am dänischen Teknologisk Institut. Sie sagt, dass VOC Erkrankungen wie Krebs, Asthma oder Allergien hervorrufen oder beeinflussen können.

„Alle Menschen nehmen täglich sehr viel Luft aus Innenräumen auf, und die Wissenschaft hat die Gesundheitsrisiken beschrieben, die von Schadstoffen in der Innenraumluft ausgehen. Babys und Kleinkinder sind besonders gefährdet, weil sie im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht sehr große Mengen Atemluft aufnehmen. Auch ältere Menschen haben ein erhöhtes Risiko, denn ihre Hautschicht ist dünner, weshalb sie Schadstoffe auch über die Haut aufnehmen“, erklärt Klinke.

Freiwilliges Qualitätssiegel

Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen am Institut führt Helene Klinke die Tests durch, die die Grundlage für das dänische Innenraumklima-Gütesiegel bilden – und die es auch in mehreren internationalen Programmen wie beispielsweise dem deutschen Blauen Engel gibt. Eines der Kriterien zur Erlangung eines der anerkannten Gütesiegel ist eine geringe Ausdünstung flüchtiger organischer Verbindungen.

Die Kennzeichnung ist freiwillig, und die Messungen erfolgen anhand einer Liste von Stoffen, für die die EU Grenzwerte empfiehlt – die jedoch in den meisten europäischen Ländern von den Herstellern nicht gesetzlich eingehalten werden müssen.

„Einige EU-Staaten, wie zum Beispiel Frankreich, Belgien, Italien und Polen, haben auf diesem Gebiet nationale Gesetze verabschiedet, doch in anderen Ländern wie Dänemark ist das Testen von Produkten auf flüchtige Stoffe, die nicht durch die CE-Kennzeichnung geregelt sind, freiwillig“, erklärt Helene Klinke. „Die Innenraumklima-Gütezeichen sind ein Qualitätssiegel, das Bauherren und Gebäudenutzern die Gewissheit gibt, dass das Innenraumklima gesund ist.“

Gütesiegel ergänzen einander

Das Testen von Produkten am Teknologisk Institut in Dänemark erfolgt in einer Klimakammer, die die Bedingungen eines typischen geschlossenen Raums simuliert. Über 28 Testtage werden am Institut Raumluftproben genommen, die die Konzentration der verschiedenen VOC in der Luft zeigen. Die erste Probenentnahme erfolgt bereits nach drei Tagen.

Ergänzt die Messungen durch die Prüfung auf etwaige Geruchsemissionen, die zwar nicht unbedingt gefährlich sind, aber dennoch die Luftqualität und damit das Innenraumklima beeinträchtigen können. Ein Testgremium aus mindestens 15 Personen bewertet, ob das getestete Produkt Gerüche abgibt, die in Innenräumen akzeptabel sind.

„Die Verdampfung vieler flüchtige Stoffe lässt sich als Kurve darstellen, die im Lauf der 28 Testtage abflacht. Aber Materialien, die sich nach und nach zersetzen, emittieren mit der Zeit auch Sekundärstoffe, die wir mit dieser Methode nicht erfassen können“, sagt Helene Klinke.

Sie erklärt, dass die VOC nicht der einzige Faktor sind, der über die Gesundheit oder Unschädlichkeit eines Baumaterials entscheidet. Denn es gibt auch problematische Inhaltsstoffe, die im Produkt „verbleiben“ und dabei schädlich für Mensch und Umwelt sein können, ohne dass diese bei der Messung von Ausdünstungen erfasst werden.

„Es kann deshalb von Vorteil sein, wenn die Hersteller für ihre Bauprodukte gleich mehrere Gütezeichen und Zertifizierungen einholen, die einander ergänzen“, meint Klinke.

>> Mehr über die Gütesiegel und Zertifizierungen für Troldtekt lesen Sie hier.

Innenraumklima und zirkuläres Bauen

In der Kreislaufwirtschaft werden Altmaterialien in Neubauten wiederverwendet – entweder direkt oder als Rohstoffe in neuen Produkten. Dabei kann es sich um gereinigte Mauerziegel oder eingeschmolzene Plastikflaschen handeln, die zu Bodenbelägen werden, um nur zwei Beispiele zu nennen. Wenn Materialien in einen Kreislauf eingehen, ist es wichtig, dabei das Innenraumklima im Blick zu haben, weiß Helene Klinke.

Kreislaufwirtschaft und zirkuläres Bauen sind gut für die Umwelt, weil wir damit das Abfallaufkommen reduzieren. Nicht immer ist das jedoch gut fürs Innenraumklima, denn die recycelten Materialien können in ihrem vorigen Leben chemische Stoffe aufgenommen haben oder bei der Lagerung durch Feuchtigkeit beschädigt worden sein. Möglicherweise haben sie einen Anstrich erhalten, oder im Upcycling-Prozess sind neue Schadstoffe entstanden, beispielsweise durch Erwärmung“, gibt Helene Klinke zu bedenken. „Deshalb ist es wichtig, das Innenraumklima in Gebäuden kontinuierlich zu überwachen – auch bei Neubauten, die aus recycelten Altmaterialien errichtet wurden.“

Mehr zum Thema: Neue Materialpässe ermöglichen gesundes und zirkuläres Bauen

FAKTEN: Testverfahren am dänischen Teknologisk Institut

  • Das Raumklimalabor des Teknologisk Institut in Dänemark führt unabhängige Tests zur Ausdünstung chemischer Substanzen aus Baumaterialien durch, im Auftrag von Unternehmen oder Einzelpersonen. Die Prüfungen erfolgen auf der Grundlage von freiwilligen Kennzeichnungsprogrammen und gesetzlichen Vorschriften.
  • Die nach ISO 17025 akkreditierte Prüfung der Verdampfung flüchtiger Stoffe aus Materialien wird in Klimakammern durch die chemische Analyse von Raumluftproben und die Beurteilung der Luftqualität durchgeführt.
  • Diese Testverfahren werden in verschiedenen internationalen Kennzeichnungsprogrammen angewendet, darunter das dänische Innenraumklima-Gütesiegel und das deutsche Umweltzeichen „Der Blaue Engel“.
Geschäftsführerin Helene Klinke vom Teknologisk Institut in Dänemark: Gründliche Tests bringen flüchtige Stoffe ans Licht

FOTO:
Helene Klinke,
Geschäftsführerin vom Teknologisk Institu in Dänemark

THEMA: Gesundheit und Innenraumklima in Gebäuden

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