Die Zertifizierung von Gebäuden erfordert eine bewusste Wahl

Alle führenden Zertifizierungssysteme für nachhaltiges Bauen berücksichtigen das Innenraumklima. Es gibt jedoch entscheidende Unterschiede in der Gewichtung der einzelnen Kriterien durch die verschiedenen Programme.

Auch Größe und Art der betroffenen Gebäude sind von Bedeutung. Deshalb sollte schon vor der Wahl einer Zertifizierung abgewogen werden, welche Aspekte des Innenraumklimas untersucht und dokumentiert werden sollen.

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Bauherren und Fachplaner können heute zwischen verschiedenen anerkannten Zertifizierungsprogrammen wählen, die sämtlich die nachhaltigen Merkmale eines Bauvorhabens dokumentieren. Das Innenraumklima ist ein wichtiger Faktor in dieser Rechnung.

Dabei befassen sich die Zertifizierungssysteme auf sehr unterschiedliche Weise mit dem Innenraumklima. Das US-amerikanische Zertifizierungssystem WELL beispielsweise stellt vor allem die soziale Nachhaltigkeit in den Vordergrund und berücksichtigt Kriterien wie Luft, Licht und Raumklang, während es ökologische und ökonomische Nachhaltigkeitsaspekte kaum in Betracht zieht. Die älteren Programme BREEAM und LEED räumen der Umwelt einen höheren Stellenwert ein, berücksichtigen wirtschaftliche Faktoren aber ebenfalls nur sehr begrenzt.

Einige Zertifizierungsprogramme arbeiten mit regionalen Varianten, die Klima, Bautradition und Gesetzgebung der Zielländer einbeziehen. Darüber hinaus ist natürlich auch der Gebäudetyp von Belang, denn es gibt besondere Bewertungskriterien für Büros und öffentliche Gebäude, die bei der Zertifizierung von Wohngebäuden keine Rolle spielen.

Wissenschaftler: Große Unterschiede zwischen den Zertifizierungen

Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Zertifizierungen erschweren die Wahl des richtigen Werkzeugs zur Bewertung des Innenraumklimas, sagen Tine Steen Larsen und Lasse Rohde vom BUILD Institut für Bauen, Städtebau und Umwelt der Universität Aalborg (Dänemark). Die beiden Wissenschaftler sind Autoren eines Berichts, für den sie untersucht und verglichen haben, wie die fünf international anerkannten Zertifizierungssysteme BREEAM, LEED, DGNB, WELL und LBC bei der Bewertung von Wohngebäuden das Innenraumklima gewichten.

„So, wie die Zertifizierungssysteme heute aufgebaut sind, ist es sowohl für die Fachleute vom Bau als auch für die Verbraucher schwierig zu erkennen, was die einzelnen Zertifizierungen über das Innenraumklima eines Gebäudes aussagen, und welche Auswirkungen auf Nutzer, Umwelt und Gesellschaft damit verknüpft sind. Deshalb haben wir versucht, einen Überblick darüber zu schaffen, wie verschiedene Parameter zum Innenraumklima innerhalb dieser Systeme gewichtet werden“, erklärt Lasse Rohde.

Welches Gewicht haben Luft-, Licht- und Akustikverhältnisse?

Die Vergleichsstudie der beiden Wissenschaftler betrachtet das Innenraumklima aus einer ganzheitlichen Perspektive und teilt die Kriterien in vier Hauptkategorien ein, die wiederum eine Reihe von Unterkategorien besitzen:

  • Thermisches Innenraumklima (einschließlich Nutzungstemperatur, Kühlung und Luftbewegung)
  • Akustik (einschließlich Nachhallzeit und Schalldämmung)
  • Visuelles Raumklima (einschließlich Tageslicht, elektrische Beleuchtung und Aussicht)
  • Raumluftqualität (einschließlich Lüftungskapazität, Luftfiltration und gasförmige Ausscheidungen der Ausbaumaterialien)

Darüber hinaus werden auch die Möglichkeiten der Beeinflussung des Innenraumklimas durch die Nutzer bewertet, beispielsweise bei der Lüftungs- und Temperaturregelung.

Von den untersuchten Kriterien finden sich nur die Raumluftqualität und die Nutzerbeeinflussung in allen Programmen wieder. Insbesondere bei LEED und LBC fällt die Luftqualität sehr stark ins Gewicht, während die einzelnen Kriterien bei BREEAM, DGNB und WELL gleichmäßiger gewichtet werden. Das Programm LEED for Homes unterscheidet sich von den anderen LEED-Gebäudezertifizierungen dadurch, dass es allein die Luftqualität berücksichtigt. Die LEED-Zertifizierungen für andere Gebäudetypen berücksichtigen weitere Komponenten, auf die in der Studie jedoch nicht eingegangen wird, da diese sich ausdrücklich auf Wohngebäude bezieht.

„Insgesamt gesehen, bilden BREEAM, DGNB und WELL für Wohngebäude die vier Hauptkriterien gut ab, während LEED und LBC kein vollständiges Bild des Innenraumklimas liefern. Die Zusammensetzung der Unterkategorien zu diesen Kriterien variiert von Programm zu Programm. Das DGNB-System hat die breiteste Abdeckung, denn hier werden stets wirtschaftliche, ökologische und soziale Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigt. WELL hingegen lässt sich am besten in Kombination mit weiteren Zertifizierungen verwenden“, meint Tine Steen Larsen.

Mehr über die Bewertung des Innenraumklimas in Wohngebäuden im Rahmen der verschiedenen Zertifizierungsprogramme lesen Sie im Bericht der Universität Aalborg.

Die Abbildungen unten zeigen den von den Wissenschaftlern vorgenommenen Vergleich der Gewichtungen des Innenraumklimas in den verschiedenen Gebäudezertifizierungen.

Es wird deutlich, dass es große Unterschiede zwischen den verschiedenen Zertifizierungssystemen gibt, wenn es um die Bewertung des Raumklimas geht.

Alle für den Vergleich herangezogenen Zertifizierungsprogramme beziehen sich auf Wohngebäude.

Die Zertifizierung von Gebäuden erfordert eine bewusste Wahl

FOTO:
Lasse Rohde,
BUILD Institut für Bauen, Städtebau und Umwelt der Universität Aalborg (Dänemark).

Die Zertifizierung von Gebäuden erfordert eine bewusste Wahl

FOTO:
Tine Steen Larsen,
BUILD Institut für Bauen, Städtebau und Umwelt der Universität Aalborg (Dänemark).

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