Das Büro muss für die virtuelle Welt gedacht werden

Troldtekt, Future office

Digitale Kooperations-Tools und mobile Technologie ändern die Anforderungen an die Einrichtung des modernen Arbeitsplatzes.
 
Philip Tidd ist Büroeinrichtungs-Experte bei der Beratungsfirma Gensler, die bei kollaborativem Design führend ist. Am 14. April sprach er bei der Nohr-Con-Konferenz in Kopenhagen zum Thema Büroeinrichtung der Zukunft. Profitieren Sie von seinem Fachwissen, und gewinnen Sie einen Einblick in neue Tendenzen bei Bürolandschaften.

Worin bestehen die wichtigsten Herausforderungen bei der Büroeinrichtung heute?

– Unsere Forschung und globale Arbeitsplatzuntersuchungen bestätigen, dass eine der größten Herausforderungen darin besteht, eine Umgebung zu schaffen, die dem Bedürfnis der Mitarbeiter nach Vertiefung und konzentriertem Arbeiten Rechnung trägt. 

Bei Untersuchungen geben die Befragten häufig an, sie würden an ausgewählten Tagen von zu Hause aus arbeiten, weil sie dort ihre Aufgaben produktiver erledigen könnten. Das sagt viel aus über moderne Bürolandschaften – man kann nicht effizient arbeiten, wenn man dort ist.

Es gibt viel Forschung, die betont, wie wichtig es ist, dass sich die Mitarbeiter am Arbeitsplatz physisch wohl fühlen – dazu gehört alles von höhenverstellbaren Tischen bis zu einem guten Innenraumklima. Der nächste Schritt besteht darin, das psychische Wohlbefinden der Mitarbeiter/innen zu verbessern.

Wir müssen gute Akustik und visuelles Privatleben schaffen. Headsets sind zur neuen Bürozelle geworden und werden benutzt, um sich gegen den Lärm der Umgebung abzuschirmen. Es werden Bereiche gebraucht, wo man sich vertiefen kann. Diese Bereiche sollten sich möglichst nahe am normalen Arbeitsplatz befinden.

Welches ist die wichtigste Entwicklung der nächsten Jahre?

Das wird die Integration von physischem und digitalem Arbeitsplatz sein. Wir alle laufen mit einer mobilen Einheit in der Tasche herum, die inzwischen wie ein Supercomputer funktioniert. Das, was wir mit der gegenwärtigen Technologie können, ist – verglichen mit dem, was wir vor fünf Jahren konnten – bemerkenswert.

Wir sehen, dass sehr viele Menschen einen großen Teil ihres Arbeitstages damit verbringen, mit Hilfe virtueller Kooperationstools wie beispielsweise Skype, WebEx und GoToMeeting zu kommunizieren und mit ihrer Firma in Verbindung zu stehen.

Das ist der digitale Arbeitsplatz. Daneben gibt es den physischen Arbeitsplatz, und Mitarbeiter wechseln typisch mehrere Male im Laufe eines Arbeitstages zwischen digitalem und physischem Arbeitsplatz. Diese Bewegungen schaffen neue und interessante Herausforderungen für den Arbeitsplatz.

Bei Gensler heben wir oft eine Statistik aus unserer Forschung hervor, die zeigt, dass an 75 Prozent der von uns beobachteten Besprechungen eine oder mehrere Personen teilnahmen, die sich an einem anderen Ort als dem Besprechungsraum aufhielten. Der physische Arbeitsplatz muss anpassungsfähiger sein, es müssen verschiedene Räume geschaffen werden, die den digitalen Bedürfnissen entsprechen.

Wie werden sich Mobiltechnologie und ständiges Angeschlossensein konkret auf die Einrichtung auswirken?

Wir brauchen verschiedene Arbeitsumgebungen und Räume mit unterschiedlichen Funktionen, die es den Mitarbeitern erleichtern, mit Personen zusammenzuarbeiten, die sich an einem anderen Ort befinden, beispielsweise in einem anderen Land, einer anderen Stadt oder in einem anderen Bereich des Gebäudes. 

Ich habe die Hälfte meiner letzten Arbeitswoche mit der Beantwortung von Skype-Anrufen oder mit anderen Formen virtueller Kooperations-Tools zugebracht. Es muss Orte am Arbeitsplatz geben, wo man Anrufe entgegennehmen und sich an diesen Gesprächen beteiligen kann – der Schreibtischplatz reicht dafür nicht.

Wir brauchen mehr kleine Räume, in denen man sich allein aufhalten kann, und größere Räume für Teambesprechungen. Es ist auch notwendig, den Leuten beizubringen, dass die einzelnen Räume unterschiedliche Arbeits- und Verhaltensformen verlangen.

Wie können Bürolandschaften die Balance zwischen Vertiefung und Zusammenarbeit unterstützen?

Manche meinen vielleicht, das größte Fiasko bei der Büroeinrichtung sei gewesen, dass wir eine Menge offener Bürolandschaften geschaffen haben, wo die Leute mit übergestülptem Headset an ihren Schreibtischen sitzen und sich an Gesprächen beteiligen, ohne daran zu denken, dass sich die Kollegen um sie herum dadurch gestört fühlen könnten.

Die Lösung besteht nicht darin, die Leute wieder in geschlossene Büros oder Boxen zu setzen. Es hat seinen Grund, dass wir sie abgeschafft haben, denn die Leute fühlten sich darin isoliert und von ihren Kollegen abgeschnitten. Aber vielleicht sind wir mit den offenen Landschaften einen Schritt zu weit gegangen. Statt dessen müssen wir an einer Einrichtung arbeiten, die stärker ausbalanciert ist, d. h. unterschiedlichen Aufgaben und Bedürfnissen besser Rechnung trägt. Es muss eine passende Zusammensetzung von Räumen und Orten geben, an denen man sich vertiefen, zusammenarbeiten und lernen kann.

Unsere Forschung zeigt: Wenn es gelingt, diese Balance zu finden und wenn man den Leuten die Möglichkeit gibt, selbst zu entscheiden, wo und wie sie arbeiten wollen, wählen sie den Ort, der zu der Aufgabe passt, an der sie zu dem Zeitpunkt arbeiten. Und das wirkt sich positiv auf ihr Wohlbefinden, ihr Engagement und ihre Jobzufriedenheit aus.

Was bedeutet das für die Profis, die Bürogebäude planen und entwerfen?

Viele Architekten entwerfen phantastisch flotte Gebäude. Denkt man sich aber die visuellen Leckereien weg, unterscheiden sie sich nicht groß von den Gebäuden, die in den letzten 100 Jahren erbaut wurden – das gilt besonders für Hochhausbauten. Und im 21. Jahrhundert ist das vielleicht nicht mehr so zweckmäßig.

Wir müssen Bürolandschaften in Frage stellen und in ganz neuen Bahnen denken. Wir müssen herausfinden, wie moderne Bürobauten heute aussehen sollen. Hier können wir viel lernen, wenn wir uns anschauen, wie urbane Bereiche eingerichtet werden – mit Straßen, Marktplätzen und Hofmilieus. Hier sehen wir eine Mischung von privaten und öffentlichen Räumen. Das Büro der Zukunft ist kein großer und offener Raum, in dem jeder an einem Schreibtisch sitzt. Weit über 50 Prozent aller Internetdaten werden heute an mobile Einheiten übertragen. Vieles deutet also darauf hin, dass der PC auf dem Schreibtisch nach und nach zu einem Relikt der Vergangenheit werden wird.

Gensler ist ein weltweites Beratungsunternehmen in den Bereichen Architektur, Design und Planung. Das Unternehmen hat 46 Büros und mehr als 5.000 Beschäftigte in Asien, Europa, Australien, Nahost sowie in Nord-, Süd- und Zentralamerika.

Gensler wurde 1965 gegründet, das Unternehmen hat mehr als 3.500 aktive Kunden aus so gut wie allen Branchen.